Platzwart vom 26.4.17 - 90 plus

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powerkraut
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Platzwart vom 26.4.17 - 90 plus

Postby powerkraut » Wed Apr 26, 2017 4:19 pm

90 plus


Sonnabendnachmittag, Erzgebirge, ein durchtränkter Kartoffelacker, 8000 Krippenschnitzer in lila Tuch, ausverkauft: Das Duell Fliedersachsen gegen Niedersachsen steht kurz vor seinem erwartbaren Ende. Hannover 96 führt mit 2:1, die letzten Minuten, man ist zu diesem Zeitpunkt mal wieder Spitzenreiter, natürlich, wer sonst. Erzgebirge Aue ist so gut wie besiegt, weshalb sich die 96er einen Jux daraus machen, einen Ball nach dem anderen auf den Fichtelberg zu dreschen.

Schiedsrichter Benjamin Cortus aus Röthenbach a. d. Pegnitz hat an diesem Tag nichts weiter vor, er ist gern an der frischen Luft, und so schön ist Röthenbach a.d. Pegnitz nun auch wieder nicht, dass man schnell dorthin zurück müsste. Drei Minuten Nachspielzeit. Ach was, vier. Cortus könnte stundenlang dabei zusehen, wie die Schüsse der 96-Hintermannschaft pfeifend Richtung tschechische Grenze sausen.

Es läuft die 4. Minute der Nachspielzeit, in Sachsen werden die Bälle knapp. Benjamin Cortus schließt die Augen und atmet tief ein. Dieser Duft nach Kettensägenöl und Uranstein. Für ihn könnte dieses Spiel ewig währen. In diesem Augenblick beschließt Dimitrij Nazarov, den sie dort den Knipser aus Krasnoarmeisk nennen, mit dem letzten verbliebenen Lederball einfach mal draufzuhalten. Scheißegal, wie ein altes Sprichwort aus Nazarovs Heimat sagt.

Für diesen kontrollierten Fatalismus hat ihn, den in Pfeddersheim an der Pfrimm aufgewachsenen Kasachen, seinerzeit Berti Vogts zum aserbaidschanischen Nationalspieler gemacht. Im schlimmsten Fall geht’s für Aue in die 3. Liga und für Nazarov zurück nach Pfeddersheim. Es kommt anders. Ganz Hannover weiß nun, warum man die Nazarov-Truppe „Veilchen“ nennt. Weil man nicht nur mit einem blauen Auge die Rückreise antritt.

Rechnerisch hat Hannover 96 kein Glück mit der Addition. Schon beim traditionellen 50 plus 1 gibt es kein eindeutiges Ergebnis und nur Stress. Soll sogar Leute geben, die behaupten, das Resultat sei negativ. Noch schlimmer ist es bei 90 plus x. Im Fußball spricht man von der Nachspielzeit, die Hannover 96 ja quasi im Namen trägt.

Die Nachspielzeit wurde nicht, wie viele annehmen, an der Säbener Straße erfunden, sondern in England. Und zwar bereits 1891, also fünf Jahre vor der Regel, dass auf dem Spielfeld keine Bäume stehen dürfen. Beim Spiel Aston Villa gegen Stoke gab es beim Spielstand von 2:1 in der Schlussminute Elfmeter für Stoke. Villas Torwart nahm den Ball und drosch ihn humorlos aus dem Stadion. Als die Kugel wieder da war, hatte der Schiedsrichter abgepfiffen. Es war höchste Zeit für die Stoppage Time.

Fest steht: Ohne Nachspielzeit hätten die Roten in Aue gewonnen. Allerdings in Bielefeld auch kein Unentschieden geholt, in Offenbach ins Elfmeterschießen gehen müssen, wegen des Kraftverschleißes danach gegen Bochum kein Unentschieden geschafft, Felix Klaus hätte gegen St. Pauli (90+3) und Union Berlin (90+6) keine Tore geschossen, Sahin Radlinger gegen Würzburg (90+3) keinen Elfmeter gehalten und Harnik drei Minuten später nicht getroffen. Und Babacar Gueye hätte ein Viertel seiner Gesamtspielzeit von vier Saisonminuten einfach mal verpasst.

Fazit: Hannover 96 kann Nachspielzeit. Eigentlich. Und wenn schon späte Buden kassieren, dann bitte Anschlusstreffer der Bayern mit dem Abpfiff. Und auf Dauer bitte keine Veilchen mehr. Danke!

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